Vom Rheingau lernen heißt Rotoren stoppen!

http://plus.faz.net/faz-plus/rm-hessen/2018-09-03/1f137505572d7effb14424d4a053f671/?GEPC=s9

Vom Rheingau lernen heißt Rotoren stoppen

Die Weinregion bleibt vorerst frei von Windrädern. Wie hat sie das nur geschafft? Die Widerständler ziehen ihre Bilanz des Abwehrkampfes, und sie geben Tipps für einen dauerhaften Erfolg.

von Oliver Bock, 3. September 2018

RHEINGAU. Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) hält den weiteren Ausbau der Windenergie im Land für dringend geboten. Im Rheingau allerdings, auf dessen Höhenzügen der Wind durchaus kräftig weht, wird der Minister auf absehbare Zeit keine Rotoren in die Höhe wachsen sehen. Für die Windkraftgegner ein Erfolg, den sich die Initiative Pro Kulturland Rheingau zu einem bedeutenden Teil an ihr Revers heften kann. Ein Erfolg, der zunächst keineswegs absehbar war. Doch in Eltville und Oestrich-Winkel gab es Bürgerentscheide mit jeweils eindeutiger Mehrheit gegen Windräder. In Walluf, Kiedrich und Rüdesheim war die jeweilige Mehrheit der Kommunalpolitiker von vorneherein dagegen, Wald für Rotoren zu opfern, oder sie scheuten den absehbaren emotionalen und heftigen Streit, der einen tiefen Riss durch die Bürgerschaft zu Folge gehabt hätte. Zu beobachten war dieser Riss in Geisenheim und – weniger stark – in Lorch, wo die Kommunalparlamente zunächst den Weg für Windparks geebnet hatten. Dort konzentrierte die Bürgerinitiative auch ihre Anstrengungen. Am Ende scheiterten beide Vorhaben, und als ein Nachzügler die Windkraftpläne in Geisenheim neu aufnehmen wollte, war die politische Mehrheit so eindeutig gekippt, dass nicht mehr lange diskutiert wurde.

Fünf Jahre hat der Abwehrkampf gedauert, und die Bürgerinitiative hat ihre Bilanz in einer 30 Seiten starken Broschüre zusammengefasst, die vergleichbaren Bündnissen Mut geben sollen. Der freie Autor Georg Etscheit, der aus dem Rheingau stammt, hat den Widerstand journalistisch aufbereitet. Beginnend mit den ersten Treffen, nachdem der Landkreis einen Masterplan Erneuerbare Energien auf den Weg gebracht hatte. Dessen Autoren rechneten den Kreispolitikern vor, dass zum Erreichen der politisch gesetzten – und inzwischen revidierten – Klimaziele bis zum Jahr 2020 die Aufstellung von 120 Windrädern in Rheingau und Untertaunus notwendig wäre.

Für knapp ein Dutzend Bürger ein Alarmsignal, auch wenn sich die Kreispolitik nie das konkrete Ziel zu eigen gemacht hatte, tatsächlich diese Zahl an Rotoren aufzustellen. Doch auch mit viel weniger war die Bürgerinitiative nicht zufrieden. Die tausendjährige Kulturlandschaft Rheingau sollte frei von Windrädern bleiben. Und die Widerständler hatten ein Vorbild: die erfolgreiche Verhinderung der Verschandelung der Eltviller Promenade durch den Bau einer Rheinuferstraße vierzig Jahre zuvor. Eine der ersten Bürgerinitiativen Deutschlands rettete Eltville damals seinen Charme.

Das war der Maßstab für den harten Kern der Widerständler, der vornehmlich aus einer Gruppe älterer Herren bestand: gut vernetzt, beruflich erfahren und gewillt, ihre Talente einzusetzen und gegebenenfalls auch Geld in die Hand zu nehmen. „Viele Bürgerinitiativen scheitern nicht an mangelnder Unterstützung, Zuspruch oder Geld. Sie scheitern an ihrer Unerfahrenheit, sich richtig und effizient zu organisieren, strategisch zu handeln, und an mangelnder Eigendisziplin“, schreibt Vorstandsmitglied und Unternehmensberater Hans-Jürgen Lange in der Bilanz.

Die Rheingauer waren aus anderem Holz geschnitzt. Sie sammelten nicht nur Geld und brachten ihre Erfahrungen und ihr Engagement ein. Sie zogen auch prominente, in der Region gut bekannte Unterstützer auf ihre Seite: „Jede erfolgreiche Bürgerinitiative braucht prominente Köpfe, neudeutsch Testimonials, die als Vorbilder und Sympathieträger dienen“, so die Strategie. ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser ist darunter, der Intendant des Rheingau Musik Festivals, Michael Hermann, der inzwischen verstorbene Dirigent Enoch zu Guttenberg und ebenso Gerd Weiß, der langjährige Präsident des hessischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Fortan werden Informationsveranstaltungen organisiert, Flugblätter gedruckt, Plakatständer geklebt. Luftballons steigen auf, um die Höhe von Rotoren zu verdeutlichen. Und die Initiative mischt sich kräftig ein in die Diskussionen im Vorfeld der Bürgerentscheide von Eltville und Oestrich-Winkel. Viele eindringliche Briefe werden geschrieben, an Denkmalschützer, an Landes- und Bundespolitiker, an die Unesco. Die Emotionalisierung ist für die im Marketing erfahrenen Aktivisten ein wichtiger Punkt. Fotomontagen zeigen eine verspargelte Landschaft. Das ist nicht immer realistisch, aber es bleibt nicht ohne Wirkung. Die Kampagne wird immer professioneller. Zeitungsannoncen werden geschaltet, Datenträger mit windkraftkritischen Fernseh-Reportagen verbreitet, Strippen im Hintergrund gezogen.

Zum „Einmaleins der politischen Kommunikation“ gehört es für die Widerständler auch, „bis an die Grenzen des Schicklichen oder Legalen gehen“, um Aufmerksamkeit zu erregen. Auch wenn es nur um die Plazierung eines Infostandes geht, für den vorher keine Genehmigung eingeholt wurde. Auch wenn die Polizei kommt, ist das Ziel erreicht: „Schlechter als schlechte Presse ist gar keine Presse.“ Das gilt auch für die illegale Aktion, Werbebanner an Bahnunterführungen aufzuhängen. „Hierfür eine Genehmigung von der Bahn zu bekommen, hätte Monate gedauert. Außerdem hätten wir sie wohl gar nicht bekommen“, erinnert sich der Vereinsvorsitzende Gerhard Gänsler. „Guerrilla-Marketing“ ist dieses Kapitel der Kampagne überschrieben. Bürgerlicher Ungehorsam gilt in geringer Dosierung als erlaubtes Mittel gegen eine „falsche Politik“. Auch die Klaviatur der sozialen Netzwerke wird bespielt.

Der derart entfaltete Druck ist groß. Ministerpräsident Bouffier versichert schriftlich, das Land werde das Unesco-Welterbeprädikat für das Mittelrheintaltal keinesfalls gefährden…

Ein Gedanke zu „Vom Rheingau lernen heißt Rotoren stoppen!“

  1. Na denn – ihr Rheingauer! Auch der übertausendjährige, sagenumwobene Odenwald soll Windindustrieanlagen frei sein. Die jetzt sinnlos umherstehenden Industrie-Windpark-Anlagen hier im Wald mit den kleinen, dicklichen, geschürzten, aber sehr umtriebigen mehlbärtigen WindmüllerInnenchen mit den großen Hosen- und Rocktaschen auf Allgemeinheitskosten drumherrum sollten schleunigst entfernt werden (keine Stimme den Windkraftbefürwortern bei den anstehenden Wahlen, egal welcher Couleur) und die GenehmiglerInnen solchen Waldfrevels sollten mal mit dem im Artikel benannten „Guerrilla-Marketing“ bekanntschaft machen. Zumal selbst Stromversorger schon diese für sie bösartigen Windkraftgegner als „Kriminelle“ betiteln. Kriminell sind doch eher die, die Kinder in Bergwerke schicken um diese Windmühlenparks in die Welt zu stellen und dann mit der, ich nenn´ mal als Beispiel „Die Grünen-Logik“ arbeiten – ich fälle einen Baum, stelle eine riesige Beton- und seltene Erde-Säule mit Balsaholzplastikflügel dafür hin um das Klima zu retten. Sicher ist, der zwar über tausendjährige, aber doch allseits als ehrenhaft bekannte Siegfried ist noch lange nicht beim alten Eisen und bei dem einen oder anderen Odenwäler tief in der Seele drin. Daher lacht der eine oder andere Odenwälder über solcherlei Titulierung, denn er sie es weiß zumindest noch, der Otzberger Märkerwald hat immer noch seinen Märker-Stuhl für dererlei „Was immer sie auch sein mögen“. Dieser Märker-Stuhl ist schon so lange da. Zeit spielt für den keine Rolle. Denn der weiß, eines Tages werden sie kommen müssen und für ihren Waldfrevel gerade stehen. Denn die Zeiten, in denen der Fürst zu seinem Priester sagt: „Du halte sie dumm, ich halte sie arm“, gehen definitiv zum Ende hin.
    Heinz-Gerd Arnold Otzberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.