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Was der Altpräsident fordert, gilt offenbar nur für andere.
Von Thomas Rießinger, 29. Juni 2026
„Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt“, schrieb einst Friedrich Schiller, und unser geschätzter Altbundespräsident Joachim Gauck, seit langer Zeit im Hauptberuf hochbezahlter Moralprediger, dürfte sich diese Einsicht zu eigen gemacht haben.
Nicht jede seiner eigenartigen Auslassungen muss man im Detail kommentieren. Was soll man beispielsweise dazu sagen, wenn er meint, in Deutschland hätten sich „feste Milieus herausgebildet, die sich in einer gewissen Fremdheit gegenüber unserem Staat und der liberal geprägten offenen Gesellschaft eingerichtet haben“? Natürlich hat er recht, ein Blick auf Personal und Parolen von Grünen und SED genügt, um ihn zu bestätigen – auch wenn er andere Parteien im Blick hatte, aber ich kann es ihm ja nicht vorwerfen, wenn er sich selbst nicht versteht. Etwas problematischer ist seine Auffassung, die Zivilgesellschaft im Osten Deutschlands sei „dort generell schwächer ausgeprägt, weil die Menschen die Demokratie schlicht nicht so lange trainieren konnten wie im Westen.“ Numerische Verhältnisse zu beurteilen, scheint ihm nicht leicht zu fallen, denn die Wiedervereinigung ist immerhin schon 36 Jahre her, und auch wenn manche im Osten Aufgewachsene wie Angela Merkel noch immer mit der Demokratie fremdeln mögen, so sollten doch 36 Jahre hinreichen, um sich daran zu gewöhnen.
Doch in der „Welt am Sonntag“ hat der Altpräsident einen wertvollen Hinweis auf die Gestaltung zukünftiger Politik geliefert, obwohl ihm vermutlich die Konsequenzen für sein eigenes Leben nicht bewusst geworden sind. Die Politik, so versichert er uns, führe zu Zumutungen für den Bürger. „Das Problem ist: Jede echte Reform bringt Zumutungen mit sich. Wir brauchen eine politische Führung, die die Kraft aufbringt, der Bevölkerung zu erklären, warum wir diese Zumutungen akzeptieren müssen.“
Da hat er recht. Aber ist ihm klar, was das bedeutet? Die Bevölkerung besteht nicht nur aus dem Stimmvieh, an dem vorbei er sich mit seinem Dienstwagen noch immer, neun Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten, durch die Lande fahren lassen kann. Nein, zur Bevölkerung gehört auch er selbst, das vergessen Leute seines Schlages gerne. Und wer wäre geeigneter, sich etwas zumuten zu lassen, als der verehrte Moralist Joachim Gauck?
Als pensionierter Bundespräsident erhält er einen „Ehrensold“ – das Wort lässt bei manchem vielleicht Fragen über die Natur dieser Ehre aufkommen – in der Höhe der vorherigen Amtsbezüge. Das sind etwa 276.000 Euro, Jahr für Jahr. Doch das ist nicht alles, man kann ja so einen Altpräsidenten nicht ohne Ausstattung lassen. Im Jahre 2017, als Gauck in den Ruhestand ging, konnte man nicht nur von einem Büro lesen, sondern von deren neun, deren Kosten keineswegs – man ahnt es schon – Gauck selbst trägt, sondern der Staat, also die Steuerzahler. Und weil man neun Büros nicht einfach so leer stehen lassen kann, braucht er auch etliche Mitarbeiter, zum Teil hoch bezahlt und niedrig beschäftigt, deren jährliche Kosten man damals auf 385.000 Euro taxierte. Neun Jahre ist das her, inzwischen dürften die jährlichen Personalkosten deutlich über 400.000 Euro gestiegen sein. Von Reisekosten – bei diesem jämmerlichen Ehrensold kann man schließlich keinem zumuten, die eigenen Reisen selbst zu bezahlen – und Ausgaben für Personenschutz und Sachkosten wie Dienstwagen will ich gar nicht erst reden…